LiterArt 4-2017

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pixabay geralt

Das Ding

 
Eines Tages war es da.
Nicht, dass es sich jemandem sichtbar gemacht hätte, dass man es hätte hören, riechen oder fühlen können – nichts von alledem. Aber es war da, ganz eindeutig. Jeder wusste das, denn von dem Tag seines ersten Auftauchens an, war alles anders als bisher. Und das war der Beweis für die Existenz des Dings, denn jeder spürte dieses Andere, ohne es benennen zu können.
Das Ding war tückisch. Es schlich sich hinterrücks heran und bemächtigte sich seiner Opfer unverhofft. Wo es auftauchte, wischte es die Fröhlichkeit spielender Kinder hinweg, ließ perlendes Gelächter ersterben und brachte die berühmtesten Redner ins Stocken. Hatten gerade drei Freunde in vertrauter Runde Karten gespielt, konnte ihr Zusammensein urplötzlich in einen sinnlosen Streit ausarten, und ein Schüler, der im Vertrauen auf sein Wissen seines Erfolgs gewiss, munter einen Aufsatz schrieb, saß von jetzt auf nachher vor seinem Heft, unfähig auch nur einen weiteren sinnvollen Satz aufs Papier zu bringen.
Jeder, dem solches widerfuhr konnte sich einer Sache sicher sein:
Das Ding war dagewesen und hatte sich der Leichtigkeit des Seins bemächtigt, hatte es gestohlen, weggesogen und mitgenommen, und seine Opfer brauchten lang, um sich davon zu erholen, zumal sie von den Mitmenschen, die Zeugen ihres Unglücks geworden waren, zu allem Überfluss auch noch gemieden wurden. Denn so sind die Menschen: Die Nähe des Glücklichen suchen sie gern, den Unglücklichen meiden sie, denn Unglück könnte ja ansteckend sein. So denken die Leute.
Wenn man jetzt aber meint, dass das Ding nur Schrecken verbreitet hätte, so täuscht man sich. Es kam ebenso oft vor, dass zum Beispiel ein Mensch, der eben bitterlich weinte, plötzlich ohne ersichtlichen Grund zu jauchzen und zu tanzen begann, dass ein Vater, im Begriff seinen Sohn mit strenger Hand zu züchtigen, diesen im nächsten Augenblick in seine Arme riß um ihn zu herzen und zu küssen. Und auch hier war allen klar, dass das Ding dagewesen war.
Obwohl das Leben seit der Ankunft des Dings wahrlich schwieriger geworden war, hatten sich die Leute schließlich sogar daran gewöhnt. Ja, es wurden Wetten darüber abgeschlossen wann, wo und wie das Ding sich wieder offenbaren werde, und einige verdienten sogar recht gut dabei. Doch eines Tages verschwand das Ding ebenso still und leise wie es gekommen war. Und die Menschen stellten zu ihrer Verblüffung fest, dass sie es vermissten. Sie hofften auf seine Rückkehr und warteten lange darauf. Aber das Ding kam nie mehr wieder.
Was blieb, war ein seltsames Gefühl der Leere.

Rosemai M. Schmidt