LiterArt 2-2017

Monatsbild

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Im Spiegel - legeipS mI

Im Spiegel - legeipS mI

Es war an jenem Montag, der so langweilig zu werden versprach wie die meisten Montage meines bisherigen Lebens. Aufstehen, Bad, Frühstück ... na ja ... die übliche Leier eben. Und dann zur Arbeit.
So war es auch an dem erwähnten Montag bis zu dem Augenblick, als ich vor dem Spiegel mit der Linken die Nasenspitze straffte, um die Gegend zwischen Nase und Oberlippe mit dem Rasiermesser besser zu erreichen.
Ich gehöre, was das Rasieren betrifft, zur Alten Schule. Was da heutzutage angeboten wird, um Mann von seiner Bartunzier zu befreien, ist eine Zumutung.
Allerdings braucht man bei der Messerrasur eine völlig ruhige Hand. Die habe ich auch. An diesem Morgen allerdings hätte ich mich beim Blick auf mein Spiegelbild um ein Haar - um ein Barthaar gewissermaßen - in die Lippe geschnitten.
Zwar rasierte sich mein Alter Ego auch, natürlich, nur, es tat dies mit einem Elektrorasierer.
Das Rasiermesser entfiel meinen Fingern und ich starrte wie hypnotisiert auf den Anderen, der mir ironisch zuzwinkerte.
Das brachte meine Lebensgeister zurück.
"He", rief ich, "was soll das bedeuten?"
Mir fiel auf, dass ich den Rasierer nicht hörte.
Der Andere lächelte und sagte etwas, aber wieder hörte ich keinen Ton.
Stellen Sie sich vor, Sie unterhielten sich mit ihrem Spiegelbild und Sie würden feststellen, dass es nicht Sie ist, ich meine, schon Sie, aber ... es tut nicht, was Sie tun ... also ... zum Teufel, wie verrückt ist denn so was?
Der Andere jedenfalls legte eine Hand ans Ohr, um zu zeigen, dass eine akustische Störung vorlag und winkte mit dem gekrümmten Finger.
An den Rest erinnere ich mich nicht.
Aber seit diesem Tag stehe ich Morgen für Morgen vor dem Spiegel, rasiere mich elektrisch und schaue meinem Spiegelbild bei dessen Rasur zu, mit sehnsüchtigem Blick auf das akkurat geschärfte Rasiermesser.
Sonst ist eigentlich alles beim Alten geblieben ... eigentlich ... allerdings frage ich mich ... na, egal. Ich muss los.
Einen guten Rat noch: Passen Sie bloß vor dem Spiegel auf.

Rosemai M. Schmidt