Literat / Bild des Monats 02.2024

Monatsbild

extravagantni

Der Dopeldecker


Das Kind fragte seine Mama, ob der Adler auf der anderen Seite der Münze wegfliege, solange man gerade die Vorderseite betrachte.
Die Mutter meinte gereizt, das sei eine dumme Frage, natürlich sei der Adler dort, wo er hingehöre, eben auf der anderen Seite und zwar immer.
"Auch wenn man gerade nicht hinguckt?"
"Auch dann."
"Woher weißt du das, du siehst es doch nicht?"
"Ich weiß es eben."
Mutter und Tochter führten dieses Gespräch auf dem oberen Deck eines Doppeldeckerbusses.
"Mama, was passiert, wenn der obere Bus mit uns nach links fährt und der untere Teil nach rechts?"
Die Mutter seufzte. "Nichts passiert dann, denn das kann gar nicht passieren. Und jetzt verschone mich mit deinen verrückten Fragen."
Das kleine Mädchen versuchte aus dem Fenster am Bus herunter zu schauen, der eben bei Ampelgrün wieder anfuhr. Vor seinen erstaunten Augen löste sich das obere Deck unmerklich mit einer sanften, schwingenden Bewegung vom unteren und bog nach rechts ab, während der untere Teil geradeaus weiterfuhr.
"Mama", begann das Mädchen aufgeregt, "der Bus ...!“
"Schweig", sagte die Mutter unwirsch, "ich bin müde."
Das Mädchen verstummte. Es schob sein Gesicht soweit es ging aus dem schräggestellten Seitenfensterchen und schielte erneut an der Seitenwand des Busses hinab.
Das untere Stockwerk fehlte immer noch. Keinem der Fahrgäste schien es aufzufallen, dass der Bus nicht mehr hielt und dass kein Fahrgeräusch mehr hörbar war. Die drei anderen Leute dösten ebenso wie die Mutter des Kindes vor sich hin.
Ich hab' es doch gewusst, dachte das Kind, und als ein merkwürdig steifer, metallisch glänzender Adler vorbeiflog und dem Kind zuzwinkerte, wunderte es sich überhaupt nicht und winkte zurück.
Ich hab' es doch gewusst, dachte das Kind wieder, die großen Leute wissen gar nichts, sie sehen die wirklichen Dinge nicht. Und es kuschelte sich zufrieden in den Sitz.
An diesem Tag kam ein Bus am Busbahnhof an, dem das obere Deck fehlte. Niemand konnte sagen, wann und wo es abhandengekommen war und es wurde auch nie wieder gesehen. 

Rosemai M. Schmidt