Literat / Bild des Monats 02.2009

Monatsbild

Maro Kusz

Maskenball des Lebens


Ehe sich Landgraf Frederik von Affano aus Innsbruck versah, saß er auf dem Markusplatz in einem italienischen Café und schlürfte in Gedanken versunken einen Capuccino und aß eine landestypische Spezialität: Eine Schokoladen-Marzipantorte.
Alles ging so schnell. Erst vor vier Tagen hatte ihn seine Großtante aus Sizilien angerufen und ihn um einen ungewöhnlichen Gefallen gebeten. Anlässlich ihres nahe bevorstehenden 90. Geburtstages solle Frederik ihr zu Ehren einen venezianischen Maskenball ausrichten. Bei aller Liebe zu Tantchen, wie er sie inoffiziell nannte, wollte er den Wunsch ablehnen. Aber er konnte nicht.
Da die ehrenwerte Verwandte aus Catania, Sizilien, nicht allein kommen und einige Begleiter mitbringen würde, sah sich Frederik, dem in wenigen Wochen bevorstehenden Anlass als designierter Gastgeber verpflichtet, einen Crashkurs in Italienisch zu absolvieren. In einer historischen Stadt wie Venedig, die geradezu vor künstlerischem und architektonischem Charme strotzt, so dachte Frederik, könne man weit mehr als nur die Sprache lernen.
Der Landgraf, welcher ein gottesfürchtiger Katholik war, nutzte jede freie Minute, um in den Kirchen der Stadt zu weilen. Am Folgetag blieb er, aufgeschreckt aus einem seiner vielen Tagträume, vor einer Szene des alten Testamentes stehen. In der Basilika San Marco erblickte er ein Gemälde, welches die drohende Zerstörung von Sodom und Gomorrha mit Pech und Schwefel zeigte. Frederik war so gebannt von dem Bild, als sei er selbst Zeitzeuge in Person geworden. Seine Großtante Maria, gebürtig aus San Sebastian in Nordspanien, hatte ihm als Kind regelmäßig Geschichten erzählt, in denen die nicht gottesfürchtigen Menschen Leid erfuhren. Dieses Gemälde, vor dem er stand, versetzte ihn in die Zeit seiner Kindheit zurück.

Nach nur zwei Wochen in Italien konnte Frederik einige Phrasen der ihm vorher verschlossenen Sprache sprechen und Bruchstücke verstehen. Ihm war es dermaßen wichtig ein guter Gastgeber zu sein, dass ihm kein Aufwand zu hoch erschien. In
seiner Abwesenheit verwandelten seine Bediensteten Frederiks kleines Schloss, das wenig größer war als eine bürgerliche Villa eines wohlhabenden Industriellen aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts, in ein österreichisches Klein-Vendig.

Der große Tag war gekommen. Tantchen, die bereits seit dem Vortag im Haus zu Gast war, stand im Festsaal des Hauses und staunte nicht schlecht über die Verwandlung. Ihr zu Ehren war die gesamte Verwandtschaft aus allen Teilen Europas angereist. Angesichts der 186 Gäste, welche mehr als nur den Festsaal ausfüllten, wirkten die Räume kleiner als sie waren.
Der Prunk kostbarer Kristall-Kronleuchter erfüllte den Raum und überstrahlte die Masken, welche die Gesichter versteckten. Jeder Gast hatte eine in Handarbeit gefertigte Maske zu dem Ball mitgebracht, von denen eine kostbarer war als die andere.
Doch die Gesichter hinter den Masken hatten alle den gleichen Ausdruck von abgrundtiefer Einsamkeit und Leere.

Maro Kusz