LiterArt 2026
Mit Tübinger Gôga durchs Jahr

Stiftskirche von der Münzgasse aus
Em Aposchtel sei Epischtel
`S Eugenle hockt en der Küch` ond sinniert
hin ond her, ond er studiert
ond rätselt drüber, ra ond nuff,
was `Epischtel` hoißt ond kommt et druff.
Z`letscht lässt er`s sei, er woiß es halt net.
Des wär`s nô – wenn er koin Babba hätt`.
Er gôht en d`Stub', weckt da Vadder auf,
denn der woiß g`wiß a Antwort drauf.
D`r Vadder isch wiatig, er schempft ond brommt.
Doch weil er woiß, daß er`m net verkommt,
mault er: "Kasch me net schlôfa lau?
D`Epischtel isch em Aposchtel sei Frau!"
Rosemai M. Schmidt
So schwätzt mer im Ländle
Man sagt den Schwaben nach, sie seien maulfaul. Das muss aufrechte Schwaben wurmen. Sie sind nicht maulfaul, sondern reden das Nötige. Das geht so weit, dass sie auch einzelne Wörter so weit minimieren, dass man noch versteht, was sie meinen. Mehr braucht`s ja auch nicht.
Zum Beispiel: herauf, hinauf, herab, hinab.
Karl wohnt im dritten Stock, Paul steht vor dem Haus und schreit zum dritten Stock hoch:
Paul: „Karle, komm ra!“
Karle: „Komm du ruff.“
Paul: „I will net nuff!“
Karle: „Wart, i komm glei na!“
Wenn ein Schwabe das liest, nickt er verständnisvoll. Nichtschwaben kriegen wahrscheinlich einen Knoten im Hirn. Aber im Prinzip ist es ganz einfach, denn im Hochdeutschen ist es genau so.
Paul: „Karl komm herunter!“
Karl: „Komm du herauf!“
Paul: „Ich will nicht hinauf!“
Karl: „Warte, ich komme gleich hinunter!“
Wesentlich ist hier der Standpunkt des jeweiligen Schreiers.
Paul steht unten und wünscht sich Karl her, also herunter.
Karl steht oben und wünscht sich Paul her, also herauf.
Paul, unten, will nicht hoch zu Karl, also hinauf.
Karl gibt nach und will zu Paul hin, also hinunter.
Und im Schwäbischen heißt das dann:
herunter: ra
herauf: ruff
hinauf: nuff
hinunter: na
Wie schon gesagt: Schwôba schwätzet sparsam.
Erklärung zum Text
Hier geht es um "Gôga"-Witze, eine sehr tübingenspezifische Art von Witzen. Normalerweise erzählt man sich diese nach üblicher Witze-Erzählart. Ich habe mir erlaubt, einige davon in Reimform zu bringen, da sie dann auch in Lesungen vorgetragen werden können. Witzeerzählen passt bei solchen Gelegenheiten meist nicht so richtig.
Natürlich möchte ich nicht versäumen, den Nichttübinger Rei`gschmeckten* eine Übersetzung zu liefern:
Dem Apostel seine Epistel
Eugenchen sitzt in der Küche, sinniert
hin und her und er studiert
und rätselt herum, hinab und hinauf,
was Epistel heißt, doch er kommt nicht drauf.
Zuletzt lässt er`s sein. Er weiß es halt nicht.
Das wärs dann – doch da erstrahlt sein Gesicht. Er geht in die Stube, weckt den Vater auf,
denn der weiß sicher die Antwort drauf.
Der Vater ist wütend, er schimpft und brummt.
Doch weil er weiß, dass er nicht entkommt,
murrt er: „Kannst du mich nicht schlafen lassen?
Die Epistel ist vom Apostel die Frau!“
* Reig`schmeckte: von woanders her in Tübingen befindliche Personen. [Der Schwabe sagt nicht riechen, sondern schmecken. Also sind Reig`schmeckte Leute, die mal nach Tübingen reinriechen wollen oder es wollten und dort hängen geblieben sind.]
