LiterArt 7-2019

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pixabay - schneekirschen

Die Taube

Bedrückt sinnierte eine Taube
so vor sich hin in einer Laube,
und zwar ob eines Missgeschicks,
das sie ereilte hinterrücks.
"Wenn ich bedenke, war es nämlich",
so murmelte die Taube grämlich,
"im großen ganzen gar nicht recht,
dass heute der Gevatter Specht
so ungeschminkt die Wahrheit sagte,
als ich mich über ihn beklagte
und über seine laute Brut.
'Wir sind laut', sagte er, 'na gut.
Doch schweigen Sie, denn mit Verlaub,
so wie bekannt ist, sind Sie taub.
Was wollen Sie sich denn beschweren?
Sie können ja nicht einmal hören!
Es tut mir leid, jedoch ich glaube,
Sie bleiben ewig eine Taube!'
So ist mir armem Tier hinieden
das schwere Schicksalslos beschieden,
zu leben stets in dem Debakel,
dass mir mein Name wird zum Makel.
Ich kann den Kummer nicht ertragen
und wollt', es würd' mich wer erschlagen."
So sprach das arme Tier zu sich,
worauf es sich nach Hause schlich,
wo es in Demut sich fortab
als Taube halt zufrieden gab.

Rosemai M. Schmidt