LiterArt 2026
Mit Tübinger Gôga durchs Jahr
Bodadomm
An Wengerter guckt a ma Neubau nuff
dô fällt ihm an lockerer Dachziegel uff.
Ond plötzlich rutscht dem arma Tropf
der schwere Ziegel uff da Kopf.
Dia Platta zerbätscht`s an dem harta Grend.
D`r Wengerter wird vor Wuat fascht blend,
ond guckt dia Ziegelbröckele â,
dia koi Mensch meh zammabäbba kâ.
"Narr!", schreit er, "ihr send bodadomm!
Gôht mer au mit em Sach so om?"
Erklärung zum Text
Hier geht es um "Gôga"-Witze, eine sehr tübingenspezifische Art von Witzen. Normalerweise erzählt man sich diese nach üblicher Witze-Erzählart. Ich habe mir erlaubt, einige davon in Reimform zu bringen, da sie dann auch in Lesungen vorgetragen werden können. Witzeerzählen passt bei solchen Gelegenheiten meist nicht so richtig. Natürlich möchte ich nicht versäumen, den Nichttübinger Rei`gschmeckten* eine Übersetzung zu liefern:
Ein Wengerter schaut an nem Neubau hinauf,
da fällt ihm ein lockerer Dachziegel auf.
Und plötzlich fällt dem armen Tropf
der schwere Ziegel auf den Kopf.
Die Platte zerschlägt`s an dem harten Grind.
Der Wengerter wird vor Wut fast blind
und schaut die Ziegelbröckel an,
die kein Mensch mehr zusammenkleben kann.
„He!!!“, schreit er, „ihr seid bodendumm!
Geht man auch mit den so Sachen um?“
* Reig`schmeckte: von woanders her in Tübingen befindliche Personen. [Der Schwabe sagt nicht riechen, sondern schmecken. Also sind Reig`schmeckte Leute, die mal nach Tübingen reinriechen wollen oder es wollten und dort hängen geblieben sind.]
So schwätzt mer im Ländle
Der Schwabe ist nicht nur sparsam wenn es um die Lebensführung in allen Bereichen geht, sondern auch in Beziehung zu Gefühlen.
Bekannt ist der Satz:
„Net g'schempft isch gnuag g'lobt.“ - Nicht geschimpft ist genug gelobt.
Ein großes Lob kann sein:
„Hôsch scho recht g'macht.“ - Das hast du schon recht gemacht. oder: „Des könnt schlechter sei.“ - Das könnte schlechter sein., wobei Ersteres mehr gelobt ist als Letzteres. Wie schon gesagt: Im Schwäbischen geht’s um die Nuancen.
Ganz delikat wird es, wenn es um die Liebe geht.
Den Satz: „Ich liebe dich!“ gibt es im Schwäbischen nicht. Einem Schwaben käme das ziemlich Ausländisch vor.
Schwaben sagen: „I môg di!“ - "Ich mag dich". Da ist die Sympathie schon recht weit gediehen. Bis ein Schwabe so was sagt, hat er die Begehrte schon eine Weile geprüft. Schwäbinnen sind mit derlei Äußerungen vielleicht etwas schneller, aber das liegt daran, dass Frauen mit Gefühlen generell weniger Probleme haben. Sogar Schwäbinnen.
Wenn ein Schwabe Interesse an einer Schwäbin hat (Nichtschwäbinnen haben durchaus auch Chancen), kann er durchaus über sich hinauswachsen und seinen Gefühlen Ausdruck geben, allerdings erst mal vorsichtig:
„Du bisch scho recht.“ oder: „I kô de recht gut leida.“ -
„Du bist schon recht.“/“Ich kann dich recht gut leiden.“
Stößt die Annäherung auf Gegenliebe, kann es tatsächlich romantisch werden.
„Mit boide senn wia Lensa ond Spätzla.“ - „Wir beide sind wie Linsen und Spätzle.“
Wenn man weiß, was dieses Leibgericht für Schwaben bedeutet, versteht man die Ergriffenheit, die da zum Ausdruck kommt.
„Mit dir dät'e sogar mein Leberkäs doila!“ - „Mit dir würde ich sogar meinen Leberkäse teilen.“
Der Leberkäs! Teilen! Das ist pure Liebe!
Jetzt hôt's g'schnackelt, es jagt eine Liebeserkältung die andere (heißt: Hin und wieder wallen die Gefühle auf.) und jede ist inniger:
"I môg di fei leida.“ - „Ich kann dich übrigens leiden.“
„I han di echt gern.“ - „Ich mag dich wirklich gern.“
„Ich môg di fei ganz arg.“ - „Ich mag dich übrigens ganz arg.“
„I môg di scho saumäßig.“ - „Ich mag dich schon saumäßig.“
„I han di scho saumäßig gern.“ - „Ich hab dich schon saumäßig gern.“
I môg die fei granatamäßig ond au älles an dir.“ - „Ich mag dich übrigens granatenmäßig und auch alles an dir.“
Und jetzt sind die Würfel gefallen, die Auserkorene lässt der Schwabe nicht mehr los:
„Willsch du mei Schneckle sei?“ - „Willst du mein Schneckchen sein?“
Da steckt sehr viel Zärtlichkeit drin.
Und ein großer Ausdruck von Zuneigung ist:
„Mei Muddr findet di fei au klasse.“ – „Meine Mutter findet dich übrigens auch klasse.“
Damit weiß die zukünftige Braut: Den hab ich sicher.
Und das zärtlichste Wort, das ich kenne, wenn es um Liebesdinge geht, ist:
„Du bisch mei Amenâschlupferle.“ - „Du bist mein Anmichhinkuschelchen.“
Tja, die Schwaben und die Liebe. Und auch, wenn den Schwaben Liebesworte nicht so leicht von der Zunge gehen, müssen sie etwas von der Sache verstehen. Woher sonst kämen die vielen Schwaben überall in der Welt?