LiterArt 2026
Mit Tübinger Gôga durchs Jahr

Dolce far niente am Marktplatz
Bedenklich
Bedenklich
'S Binders Marie isch beim Dokter b'schtellt,
weil, se hôt em telefonisch g'meldt,
daß es Hannesle grausig hueschtet ond rotzt
und nachts hôt's mendeschtens dreimôl kotzt.
Der Dokter isch ernscht, der guate Mô
ond frôgt: "Was zeigt's Thermometer ô?"
"Onser Thermometer? Des isch leider he.
Doch d' Oma hätt' an guade Idee
ond hôt em Bua, bloß so zur Proba
's Barometer onter d' Decke g'schoba."
" 'S Barometer", staunt er, " ja, zeigt des was?"
"Ha freilich, es stôht uff windig ond nass!"
Rosemai M. Schmidt
So schwätzt mer im Ländle
Der schwäbische Konjunktiv
Konjugation gehört zu dem eher trockenen Bereich der Grammatik.
Die meisten Schüler sind nicht scharf darauf, sich dieserart mit Verben zu befassen. Ist ja auch etwas dröge:
Ich lache, du lachst, er sie es lacht, wir lachen, ihr lacht, sie lachen.
Immer nach dem gleichen Muster. Und das durch alle Zeiten:
Ich werde lachen / ich habe gelacht / ich hatte gelacht / ich würde lachen / ich werde gelacht haben / usw. …
Also, wer dafür eine Leidenschaft entwickelt, der muss schon ein Freak sein.
Lateiner können ein Lied singen von solchen Übungen, aber auch Nichtlateiner lernen das irgendwann in ihrer Schullaufbahn kennen. Im Deutschunterricht, der jedoch mitnichten im Dialekt stattfindet.
Folgendes Verb ist wunderbar urschwäbisch und für Reig`schmeckte völlig unverständlich und schon allein das Wort wirft das Kopfkino an.
driebla (kurbeln)
Präsens:
I driebl, du drieblsch, er driebld, mir drieblad, ihr drieblad, sia drieblad
Perfekt:
I han driebld, du hôsch driebld, er hôd driebld, mir hen driebld, ihr hen driebld, sia hen driebld
Imperfekt
Der kommt im Schwäbischen gar nicht vor.
Schwaben sprechen immer perfekt
Und jetzt kommt der Konjunktiv:
Konjunktiv:
I däd driebla, du dädsch driebla, er däd driebla, mir dädad driebla, ihr dädad driebla, sia dädad driebla
Tja hier wird`s irgendwie komisch.
Hochdeutsch heißt es an dieser Stelle:
Ich würde kurbeln, du würdest kurbeln etc.
Der Schwabe benützt das nicht. Er würde nicht, er täte, also dät.
Also nicht: „Ich würde sagen“, sondern: „I dät saga.“
I jedenfalls dät saga: „Dees isch jô wirklich net b`sonders schwer, oder?“
Erklärung zum Text
Hier geht es um "Gôga"-Witze, eine sehr tübingenspezifische Art von Witzen. Normalerweise erzählt man sich diese nach üblicher Witze-Erzählart. Ich habe mir erlaubt, einige davon in Reimform zu bringen, da sie dann auch in Lesungen vorgetragen werden können. Witzeerzählen passt bei solchen Gelegenheiten meist nicht so richtig. Natürlich möchte ich nicht versäumen, den Nichttübinger Rei`gschmeckten* eine Übersetzung zu liefern:
Bedenklich
Marie Binder ist beim Arzt bestellt,
weil sie ihm telefonisch hat gemeld`t,
dass ihr Hannes grausig hustet und rotzt
und nachts hat er mindestens dreimal gekotzt.
Der Doktor ist ernst, der gute Mann
und fragt: „Was zeigt`s Thermometer an?“
„Unser Thermometer ist leider hin.
Doch die Oma hatt` ne Idee im Sinn.
Sie hat dem Bub, bloß so zur Probe
unter die Decke `s Barometer geschoben.“
„`S Barometer“, staunt er, „ja, zeigt das was?“
„Ja freilich, es steht auf windig und nass.“
* Reig`schmeckte: von woanders her in Tübingen befindliche Personen. [Der Schwabe sagt nicht riechen, sondern schmecken. Also sind Reig`schmeckte Leute, die mal nach Tübingen reinriechen wollen oder es wollten und dort hängen geblieben sind.]
