LiterArt 2026
Mit Tübinger Gôga durchs Jahr

Stiftskirche von der Münzgasse aus
Em Aposchtel sei Epischtel
`S Eugenle hockt en der Küch` ond sinniert
hin ond her, ond er studiert
ond rätselt drüber, ra ond nuff,
was `Epischtel` hoißt ond kommt et druff.
Z`letscht lässt er`s sei, er woiß es halt net.
Des wär`s nô – wenn er koin Babba hätt`.
Er gôht en d`Stub', weckt da Vadder auf,
denn der woiß g`wiß a Antwort drauf.
D`r Vadder isch wiatig, er schempft ond brommt.
Doch weil er woiß, daß er`m net verkommt,
mault er: "Kasch me net schlôfa lau?
D`Epischtel isch em Aposchtel sei Frau!"
Rosemai M. Schmidt
Hier geht es um "Gôga"-Witze, eine sehr tübingenspezifische Art von Witzen. Normalerweise erzählt man sich diese nach üblicher Witze-Erzählart. Ich habe mir erlaubt, einige davon in Reimform zu bringen, da sie dann auch in Lesungen vorgetragen werden können. Witzeerzählen passt bei solchen Gelegenheiten meist nicht so richtig.
Natürlich möchte ich nicht versäumen, den Nichttübinger Rei`gschmeckten* eine Übersetzung zu liefern:
Dem Apostel seine Epistel
Eugenchen sitzt in der Küche, sinniert
hin und her und er studiert
und rätselt herum, hinab und hinauf,
was Epistel heißt, doch er kommt nicht drauf.
Zuletzt lässt er`s sein. Er weiß es halt nicht.
Das wärs dann – doch da erstrahlt sein Gesicht.
Er geht in die Stube, weckt den Vater auf,
denn der weiß sicher die Antwort drauf.
Der Vater ist wütend, er schimpft und brummt.
Doch weil er weiß, dass er nicht entkommt,
murrt er: „Kannst du mich nicht schlafen lassen?
Die Epistel ist vom Apostel die Frau!“
* Reig`schmeckte: von woanders her in Tübingen befindliche Personen. [Der Schwabe sagt nicht riechen, sondern schmecken. Also sind Reig`schmeckte Leute, die mal nach Tübingen reinriechen wollen oder es wollten und dort hängen geblieben sind.]