LiterArt 5-2019

Monatsbild

pixabay - Ephraimstochter

Die Beule

Thekla Wimmerzahn war eitel.
Jeden Morgen verbrachte sie mindestens zwei Stunden vor dem Spiegel und konnte nie genug davon bekommen, ihre eigene Schönheit zu bewundern.
So nimmt es nicht wunder, dass Thekla, die Schöne, eines Morgens beim Blick in den Spiegel in Schreikrämpfe verfiel.
Mitten auf ihrer Stirn, genau zwischen den Augenbrauen, prangte eine schwarz-violette verschrumpelte Krüppelwarze, die zudem noch einen Gestank ausströmte, als wäre sie direkt aus den Tiefen eines Plumpsklos emporgewachsen.
Theklas Gekreische weckte ihren Partner Theo Schmalhans auf, der genauso aussah, wie er hieß. Der stürzte herbei und versuchte seine Liebste wie allmorgendlich mit einem Handkuss zu begrüßen. Diese hörte abrupt auf zu schreien, verfiel aber in eine für sie eher ungewohnte Lethargie, aus der Theo sie auch durch liebevollstes Zureden nicht herauszureißen vermochte.
Selbst als er eine Kanne eisgekühlten Wassers über sie schüttete, geschah nichts weiter, als dass Thekla weiterhin wie eine Geistesgestörte ins Leere starrte, mit dem Finger auf die Stirn deutete und monoton: „Ich will tot sein … ich will tot sein“, vor sich hin murmelte.
Schließlich wusste sich Theo nicht mehr zu helfen und ging mit Thekla zu einem alten Weiblein, welches im Wald lebte und im Ruch stand, eine Hexe zu sein. Er tat es ebenso um seinet- wie um Theklas Willen, denn der Geruch der unschönen Geschwulst drohte, sein Denkvermögen zu lähmen.
Das Weiblein besah sich den üblen Auswuchs, befingerte  und beschnüffelte ihn und brach dann in gackerndes Lachen aus: „Selten so ein Prachtexemplar gesehen. Könnte neidisch werden, in der Tat. Und was verlangt der junge Herr jetzt von mir?“
„Entfernt das abscheuliche Ding!“
„Das kann ich nicht. Dazu reichen meine Künste nicht. das vermag aber mein Vetter, wenn’s beliebt.“
„Und wo ist dieser zu finden?“
Das Weiblein erklärte den Weg, Theo nahm Thekla huckepack und schleppte sie zu des Weibleins Vetter.
Dieser, ein winziger Waldschrat, den manche Wurzelsepp nannten, geriet ob des Anblicks, den ihm Theklas Stirn bot, in helle Verzückung. „Euch hat mein gütiges Geschick hergeweht. Genau so ein wunderbares Dingelchen hat mir zu meinem Tränklein noch gefehlt. Wollt ihr mir das leckere Stinkeknöllchen nicht verkaufen?“
Theo errötete vor Verlegenheit. „Verkaufen?“, stotterte er, „nein, wir wollen …“
Das Männlein unterbrach ihn zornig: „Ich brauch es aber. Ich zahl, was ihr wollt. So ihr euch weigert, soll euch mein Zorn treffen, gegen den selbst ein Taifun ein laues Lüftchen wäre!“
„Nein, nein! Versteht mich recht“, beeilte sich Theo zu beschwichtigen, „nicht verkaufen … schenken wollen wir Euch das Ding. Nehmt es nur weg!“
Das Männlein klatschte in die Hände, fuhr einmal mit der Rechten über Theklas Stirn und warf das unansehnliche, stinkende Knöllchen in einen Kessel, in dem über einem Feuer eine übel riechende Brühe blubberte.
Theo schnappte Thekla und machte sich von dannen. Nur einmal schaute er noch zurück und sah das Männlein ums Feuer tanzen, und er vermeinte für einen Augenblick singen zu hören: „Heute brat ich, morgen back ich …“
Aber das, dachte er bei sich, kann ja eigentlich nicht sein.

Rosemai M. Schmidt

Rosemai M. Schmidt