LiterArt 2026
Mit Tübinger Gôga durchs Jahr

Marktplatz Tübingen
Vo mir aus
Uff am Marktplatz isch heut ebbes los,
viel Leut send dô, der Âdrang groß.
Dô passiert em Karle a peinlichs Malheur,
ond der Mô hinter ihm beklagt sich sehr:
"Also, so einer sollte festgenommen
werden und hinter Gitter kommen!"
Der Karle dreht sich geruhsam om
ond guckt absichtlich a bissle domm:
"Sell könnt ihr macha, ihr könnt ihn gern fasse!
Was mi betrifft, isch er entlassa!"
Rosemai M. Schmidt
So schwätzt mer im Ländle
Das "Le"
Ich habe es – außerhalb Schwabens – oft erlebt, dass ich auf das „Le“ reduziert wurde.
„Ach, du bist ein Schwäble? Bestimmt wohnst du in einem Häusle und fährst Autole. Hast du auch ein Berufle …?“ und so weiter. Das war eigentlich lustig gemeint, aber zumindest ich fand`s blöd.
Das, was dem Schwaben sein „le“, ist dem Schweizer sein „li“ und dem Kölner sein „che“. (Mädle, Maidli, Mädche) Und dem hochdeutsch Sprechenden sein „chen“ oder „lein“. (Wobei oft gesagt wird, es sei unlogisch, dass man das Mädchen sagt, denn ein Mädchen sei ja weiblich. Die Verkleinerungsform hat aber immer den sächlichen Artikel. Der Mann - das Männchen; die Kirche - das Kirchlein ... )
Wenn ein Schwabe von seinem Häusle redet, von seinem Gärtle oder seinem Weible, ist das immer liebevoll gemeint. Wenn es um eine zänkische, streitsüchtige Frau geht, hat der Schwabe ein „bais Ripp“ (böses Gerippe, wobei Ripp eigentlich nicht wirklich zu übersetzen ist. Sicherlich spielt der Begriff aber darauf an, dass Eva aus Adams Rippe geschaffen worden sein soll - laut Schöpfungsbericht).
Das "Sch"
Die zweite sprachlich schwäbische Eigenart, mit der man als Schwabe aufgezogen werden kann, ist das „Sch“.
Mir erzählte einmal ein Freund aus Hamburg den besten schwäbischen Witz, den er kannte. Ich hab mich wirklich kaputtgelacht. Den Grund können allerdings nur Schwaben verstehen.
Der Witz:
Ein Hamburger begegnet in Tübingen auf der Neckarbrücke einem Schwaben. „Sagen Sie, guter Mann, woraus ist denn das Geländer an dieser Brücke gemacht?“ Der Schwabe mustert den Mann nachdenklich und sagt dann: „Aus Guscheisa!“ Der Hamburger geht weiter, schüttelt den Kopf und murmelt: „Dass die Schwaben komisch sind, wusste ich ja, aber dass sie Brückengeländer aus Kuhscheiße machen, war mir neu.“
Jeder Schwabe sagt Gusseisa wenn Gusseisen gemeint ist. So einen Witz kann nur ein Nichtschwabe konstruieren.
Nichtsdestotrotz kommt das „Sch“ oft vor. Allerdings nicht willkürlich, sondern nach einer grammatikalischen Regel.
Im Hochdeutschen werden „st“ und „sp“, sofern sie im Wort vorkommen als „st“ und „sp“ ausgesprochen: Misthaufen oder Vespa. Kommen sie im Anlaut vor, spricht man sie auch hochdeutsch „scht“ oder „schp“ aus: Schtall oder Schpinne. Es sei denn, man ist im Norden zu Hause, wo im Stall durchaus eine Spinne wohnen kann.
Schwaben sprechen „st“ und „sp“ immer als „Scht“ und „schp“ aus, egal ob im Wortanfang oder in der Wortmitte.
Kommen wir zum urschwäbischen „Sch“. Ich kann zum Beispiel zu jemandem sagen:
„Woisch was, du kommsch oifach morga, wenn de willsch.“ Heißt:
„Weißt du was, du kommst einfach morgen, wenn du willst.“
Das entscheidende Wörtchen ist hier das „du“.
Der Schwabe konjugiert so:
I komm, du kommsch, er kommt, mir kommet, ihr kommet, sie kommet
I les, du liesch, er liest, mir lesat, ihr lesat, sie lesat
I schlôf, du schlôfsch, er schlôft, mir schlôfat, ihr schlôfat, sie schlôfat
usw.
Es fällt auf, dass immer in der zweiten Person Singular das „sch“ vorkommt. Wenn man nun das Ganze hochdeutsch konjugiert:
ich komme, du kommst, er kommt ….., sieht man an der entsprechenden Stelle das eben erklärte „st“.
Und wenn in einem Satz das "Du" hinter dem Verb steht: weißt du, kannst du, meinst du, sagt der Schwabe: woisch, kannsch (oder kasch), moinsch ... sparsam halt.
Woisch jetzt, wie`s gôht?
Erklärung zum Text
Hier geht es um "Gôga"-Witze, eine sehr tübingenspezifische Art von Witzen. Normalerweise erzählt man sich diese nach üblicher Witze-Erzählart. Ich habe mir erlaubt, einige davon in Reimform zu bringen, da sie dann auch in Lesungen vorgetragen werden können. Witzeerzählen passt bei solchen Gelegenheiten meist nicht so richtig. Natürlich möchte ich nicht versäumen, den Nichttübinger Rei`gschmeckten* eine Übersetzung zu liefern:
Von mir aus
Auf dem Marktplatz ist heute was los,
viel Leute sind da, der Andrang groß.
Da passiert dem Karl ein peinliches Malheur,
und der Mann hinter ihm beklagt sich sehr:
"Also, so einer sollte festgenommen
werden und hinter Gitter kommen!"
Der Karl dreht sich geruhsam um
und guckt absichtlich ein wenig dumm:
"Das könnt Ihr machen, Ihr könnt ihn gern fassen!
Was mich betrifft, ist er entlassen!"
* Reig`schmeckte: von woanders her in Tübingen befindliche Personen. [Der Schwabe sagt nicht riechen, sondern schmecken. Also sind Reig`schmeckte Leute, die mal nach Tübingen reinriechen wollen oder es wollten und dort hängen geblieben sind.]
