Stammdisch
Em Mayrhöfle am Stammdisch zwoi
hocket beim Viertele ôbends aloi.
D`r Euges hängt sein Riassl ens Glas,
uff oimôl sait d`r Hemme was:
"Du, Euges", trüalt er ganz verlora,
"verschtôhsch du was von Viertaktmotora?"
Der sait lang nix, macht d`Auga zu,
macht`s wieder uff ond brommt: "Noi! Du?"
"Noi, au et", sait der Hemme ond guckt,
als häb en Schlôfsaft er verschluckt.
Nô sait er langsam, wia em Traum,
ond leis`, der ander hört en kaum:
"Nô müaß mer halt, so dät i schätza,
so lang vo ebbes anderm schwätza."
Rosemai M. Schmidt
Schwäbisch ist nicht gleich schwäbisch. Je nach Herkunft spricht man in mehr oder weniger ausgeprägten Nuancen sehr unterschiedlich. Wenn meine im Balinger Raum lebende Schwägerin zum Beispiel sagen will:
Ich bin krank gewesen, sagt sie:
I be kraak g`sei. Andernorts sagt man:
I be kraak g`wä.
(Das doppelte A ist der Versuch, einen Laut darzustellen, den man eigentlich nicht darstellen kann. Es ist ein leicht nasales, langgezogenes A, wie zum Beispiel in dem Adjektiv lahm.)
Ich dagegen sage:
I ben krank g`wesa.
, wobei die zwei letzten Wörter zu einem zusammengezogen werden und das E eigentlich wie ein Ä klingt. So etwa:
I ben krangg`wäsa!
Letzteres können Reig´schmeckte relativ gut verstehen, denn es handelt sich um eine besondere Form des Schwäbischen, um das Honoratioren-Schwäbisch. Das wird im eher städtischen Raum gesprochen, vornehmlich in Stuttgart und Tübingen. Da mit Honoratioren generell angesehene, einflussreiche Bürger gehobenen Standes gemeint sind, gibt es derer nicht nur viele in Städten, sondern auch in größeren Orten. Früher gehörten dazu vor allem Bürgermeister, Lehrer, Pfarrer, Apotheker und andere Vertreter angesehener Berufe oder wohlhabende Mitbürger.
Wenn man in Tübingen von den Honoratioren spricht, kommt noch eine spezielle Spezies dazu: Professoren.
Besonders Gôga liebten es, sich mit Professoren zu kabbeln, wobei letztere meist den Kürzeren zogen. Sie waren dem schlau-gnitzen Menschenschlag nicht gewachsen. Daraus mag auch ein Begriff entstanden sein, der die Eigenarten der Honoratioren auf die Schippe nahm: Honoratiorakraddl. Einen Kraddl hat jemand, der eingebildet ist, sich für etwas Besseres hält und sich erhaben dünkt über andere. Wobei Schwaben das selten bös kritisierend meinen. Es ist meist ein Quäntchen liebevoller Zurechtweisung dabei. Das sollten Reig`schmeckte wissen, bevor sie den Begriff verwenden.
Hier geht es um "Gôga"-Witze, eine sehr tübingenspezifische Art von Witzen. Normalerweise erzählt man sich diese nach üblicher Witze-Erzählart. Ich habe mir erlaubt, einige davon in Reimform zu bringen, da sie dann auch in Lesungen vorgetragen werden können. Witzeerzählen passt bei solchen Gelegenheiten meist nicht so richtig. Natürlich möchte ich nicht versäumen, den Nichttübinger Rei`gschmeckten* eine Übersetzung zu liefern:
Stammtisch
Im Mayrhöfle, am Stammtisch, zwei
hocken beim Viertel Wein abends allein.
Der Eugen hängt die Nase ins Glas
auf einmal sagt der Hermann was:
"Du Eugen", sagt er ganz verloren,
"verstehst du was von Viertaktmotoren?"
Der sagt lang nichts, macht die Augen zu,
macht sie wieder auf und brummt: "Nein! Du?"
"Nein, auch nicht", sagt der Hermann und guckt,
als hätt` nen Schlafsaft er verschluckt.
Dann sagt er langsam, wie im Traum,
und leis`, der andre hört ihn kaum:
"Dann müssen wir halt, so würd` ich schätzen,
so lange von was and`rem schwätzen."
* Reig`schmeckte: von woanders her in Tübingen befindliche Personen. [Der Schwabe sagt nicht riechen, sondern schmecken. Also sind Reig`schmeckte Leute, die mal nach Tübingen reinriechen wollen oder es wollten und dort hängen geblieben sind.]