LiterArt 2-2023

Monatsbild

Jonathan Steinbeck

Vorsicht

Ein Ohrwurm namens Titus fiel aus seinem Tagesrhythmus als ein Computerschach-Spiel in Leningrad abstürzte und mit ihm die Startmelodie des Programms.
Er purzelte aus dem Ohr des Elektronikingenieurs, der eben die Revanche eines Spiels von 1948 hatte nachspielen wollen.
„Die Disziplin der Elektrotechnik geht mir trotz der Kondition, die mir das beschert, schon lange auf den Geist“, murmelte der Wurm,
„ich scheiße auf die 23. Partie 1995, spucke dreimal auf alle Schachschulen der Kommunisten samt ihren Rechenmaschinen und haue ab!“
Titus stürzte sich ohne Vorbereitung aus dem Fenster in die 1963 cm-Tiefe und landete auf einem Autor aus Moskau
, der eben „Oh wie so trügerisch ...“ summte.
Er schwang sich auf einer Klangwelle direkt in des Mannes linkes Ohr.
„Besetzt“, rief Tina, ein zierliches Ohrwurmfräulein, das schon länger hier wohnte.
„Oh Süße“, Titus würmelte begeistert, „schau mir in die Augen Kleines!“
Langsam hob sie die Lider, und beim ersten Blick war Titus für immer verloren. Die Glut in seinem Busen machte den Kraftwerken der Welt Konkurrenz.
Er warb so leidenschaftlich um die Schöne, dass sie ihn schließlich erhörte. So zog er denn als Gatte im rechten Ohr ein und zirpte fortan mit ihr um die Wette.
Dies blieb nicht ohne Auswirkungen auf den armen Schriftsteller, der bisher annehmen durfte, den Weg zum Erfolg gepachtet zu haben.
Die plötzlichen dissonanten Zirpgeräusche in seinen Ohren nannten die Ärzte irreparablen Tinnitus.
Er wurde aus Verzweiflung darüber zum Kettenraucher, was ihm bald solche Nikotin-Attacken bescherte, dass er nicht mehr schreiben konnte.
Und schließlich wurde er Lehrer an einer Gehörlosenschule, was sehr klug war, denn dort haben Ohrwürmer keine Chance.
So kam es, dass eines Morgens zwei kleine Ohrwürmer an einem Ohrstäbchen verendeten. Sie waren schlicht und einfach wegen Schwingungslosigkeit verhungert.
Seither irrt ein verloren gegangener Tinnitus herrenlos durch die Welt.
„Vorsicht!“, sage ich, „Vorsicht!“


Dieser Text entstand 2005 anlässlich des Wettbewerbs zur Schachweltmeisterschaft Kramnik - Leko.
Die Felder des Schachbretts der jeweiligen Partie wurden virtuell mit zufälligen Wörtern und Begriffen aus der Biografie eines Schachmeisters belegt.
Die Reihenfolge ergab sich aus dem Verlauf der Partie und war verbindlich.
Dazu musste ein Text aus 300 Wörtern und Begriffen geschrieben werden, und zwar möglichst zeitgleich, sprich vor der nächsten Partie.


 


 


 


 

Rosemai M. Schmidt