LiterArt 2026
Mit Tübinger Gôga durchs Jahr

Am Neckar
So sait sia
So sait sia
En d`r Schual send Bibelg`schichta drô,
dia d`r Lehrer schö verzähla kô.
Zom seah, ob dia Schualer uffbasst hend,
frôgt d`r Lehrer am Schluss a Kend:
"So, Ernschtle, lass seah, ob du no woißt,
wia dem Mosesle sei Mamma hoißt!"
"Wia se hoißt, des han i scho vergessa,
aber `s isch d`Faraonadochter g`wesa."
"Narr, Bachel, noi, des war doch g`loga!
Dia hôt en doch bloß aus em Wasser zoga!"
"Herr Lehrer! Komm! So sait halt sia.
Sia glaubet dees? Dees glaub i nia!"
Rosemai M. Schmidt
So schwätzt mer im Ländle
Uhrzeit im Ländle
Eine Quelle steter Erheiterung für Schwaben ist die Reaktion „Reig`schmeckter“ auf Angaben zur Uhrzeit.
Auch Freija hat gelernt, vorsichtig zu sein, wenn Lore einen Zeitpunkt ausmacht, um Neuigkeiten mit ihr auszutauschen.
„I ruf am dreiviertel Zehne ô, isch`s recht?“
„Wann genau?“ Freija fragt lieber nochmal nach.
„Am dreiviertel Zehne.“ Lore fühlt sich akustisch unverstanden.
„Wann ist das genau? Zehn Uhr fünfzehn oder was?“
„Ha noi! A halbe Stund vorher!“
„Ach so! Viertel vor Zehn!“ Freija ist erleichtert.
„Ja freilich! Des han i doch g`sagt!“
Womit das geklärt wäre.
Dabei ist es gar nicht so schwer.
Lore sagt: „Dreiviertel Zehne“, das heißt, es geht um die zehnte Stunde des Tages. Diese geht auch für Nichtschwaben von 9 Uhr bis 10 Uhr. Man stelle sich diese Stunde nun als einen runden Kuchen vor, auf dem eine hübsche Uhr gemalt ist. Kuchenkünstler können so was.
Nun möchten Sie ein Viertel vom ganzen Kuchen haben. Wo setzen Sie das Messer an? Richtig: erst schneiden Sie genau bei der Zwölf bis zur Mitte und dann bei Minute 15.
Damit ist ein Viertel des Kuchens markiert.
Der Nichtschwabe sagt hier, bezogen auf die Uhr: „Viertel nach Neun“ oder „neun Uhr fünfzehn“, was absolut korrekt ist. Er bewegt sich sozusagen von der vollen Stunde (9 Uhr) in Richtung der nächsten vollen Stunde (10 Uhr) auf dem Zifferblatt.
Schwaben haben die komplette neu angebrochene Stunde im Blick und betrachten den zurückgelegten Weg: Ein Viertel von der zehnten Stunde ist zurückgelegt.
Bei der halben Stunde besteht keine Verständigungsschwierigkeit. Da sagt man in Schwaben wie anderswo: „Halb zehn.“
Aber bei „Viertel vor Zehn“ oder „9 Uhr fünfundvierzig“ stehen wir wieder vor dem Eingangsproblem, das aber jetzt eigentlich keins mehr sein dürfte – wenn man nochmal das Messer ansetzt.
Im Ländle sagt man da logischerweise: „Dreiviertel zehn“, denn es ist ja nun die zehnte Stunde zu drei Vierteln vergangen.
Das Verständnisproblem existiert also nur in Bezug auf die beiden Zeitpunkte: ein Viertel und drei Viertel.
Allerdings gibt es da noch die Minuten. Da Schwaben nicht z.B. 9 Uhr 17 sagen, sondern sich immer auf Viertel, Halb und Dreiviertel beziehen, nutzen sie Minutenangaben entsprechend.
9 Uhr 5: Fünf nôch Neune.
9 Uhr 20: 10 vor halber Zehne.
9 Uhr 35: 5 nôch halber Zehne
9 Uhr 47: 2 nôch dreiviertel Zehne
9 Uhr 55: 5 vor Zehne. Usw.
Nichtschwaben sei jedoch dringend empfohlen, sich zunächst nur auf Viertel, Halb, Dreiviertel und voll zu konzentrieren, das reicht erst mal. Die Minuten bringen nur durcheinander. Uns Schwaben allerdings nicht, denn wir können auch Hochdeutsch, zumindest was Zeitangaben betrifft.
Erklärung zum Text
Hier geht es um "Gôga"-Witze, eine sehr tübingenspezifische Art von Witzen. Normalerweise erzählt man sich diese nach üblicher Witze-Erzählart. Ich habe mir erlaubt, einige davon in Reimform zu bringen, da sie dann auch in Lesungen vorgetragen werden können. Witzeerzählen passt bei solchen Gelegenheiten meist nicht so richtig. Natürlich möchte ich nicht versäumen, den Nichttübinger Rei`gschmeckten* eine Übersetzung zu liefern:
So sagt sie
In der Schule sind Bibelgeschichten dran,
die der Lehrer schön erzählen kann.
Zu sehn, ob die Schüler aufgepasst haben,
Fragt der Lehrer am Schluss einen Knaben:
„So, Ernstchen, lass seh`n, ob du noch weißt,
wie die Mutter vom Moseskindchen heißt.“
„Wie sie heißt, das hab ich schon vergessen,
aber `s ist die Pharaotochter gewesen.“
„Du Dummer, nein, das war gelogen!
Die hat ihn doch bloß aus dem Wasser gezogen!“
„Herr Lehrer! Komm! So sagt halt sie.
Sie glauben das? Das glaub ich nie!“
* Reig`schmeckte: von woanders her in Tübingen befindliche Personen. [Der Schwabe sagt nicht riechen, sondern schmecken. Also sind Reig`schmeckte Leute, die mal nach Tübingen reinriechen wollen oder es wollten und dort hängen geblieben sind.]
