LiterArt 8-2018

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pixabay PatrickBlaise

Die Koffer

 


Seit Jahren saßen die drei alten Männer an dem Kaffeehaustischchen vor dem kleinen alten Hotel an der Piazza. Sie waren schon zu einer Institution geworden, und die Geschäftsleute, die rund um die Piazza ihre Waren feilboten, pflegten ihre Uhren nach ihnen zu stellen. Denn jeden Morgen erschienen die Alten aus drei verschiedenen Richtungen genau um zehn Uhr und ließen sich an immer demselben Tischchen nieder. Kein Mensch hätte es gewagt, je dort Platz zu nehmen, selbst wenn er die Absicht gehabt hätte vor zehn Uhr wieder aufzustehen. Das Tischchen der drei Alten war gewissermaßen heilig und für jeden anderen tabu. Bei den seltenen Gelegenheiten, da es einen Fremden in das verschlafene Pyrenäendorf verschlug, sorgte der bullige Hotelbesitzer dafür, dass dieser von dem ungeschriebenen Gesetz Kenntnis erhielt.
Die Alten taten nichts Bestimmtes, wenn sie an ihrem Tischchen saßen. Meist ließen sie ihre Blicke über das beschauliche Piazzaleben hingehen, blinzelten in die Sonne oder bei Regen in das Stückchen Wolkenhimmel, welches sie am Rand des Sonnenschirmes sahen, den der Hotelbesitzer bei Notwendigkeit über ihnen aufspannte, und sie schwiegen.
Niemand hatte sie je debattieren, streiten, lachen oder gar spielen gesehen, nein, sie waren immer gleich zufrieden und gelassen, was dazu führte, dass die Menschen des Städtchens, wenn auch unbewusst, ihre eigene Befindlichkeit an der der Alten maßen. Solange diese so blieben wie immer, konnte alles seinen gewohnten Gang nehmen.
Doch eines Tages kam der Fremde mit den beiden Koffern. Es waren kein besonderer Mann und keine besonderen Koffer, welche dieser in das Hotel hineintrug.
Was wohl in den Koffern sei, fragte sich unverhofft der Älteste der drei laut und wieso der Fremde zwei Koffer habe. Von da an war es mit dem Frieden vorbei. Sie entbrannten in hitziger Diskussion gegeneinander, erregten sich immer mehr und schlugen schließlich sogar mit den Fäusten auf das Tischchen, weil jeder meinte, er könne den anderen beiden sagen, was zwingend und nach den Gesetzen der Logik in den beiden Koffern sein müsse.  Was Wunder, dass die ganze Piazza aus dem Tritt geriet. Die Ursache des Streits war dank des lauten Geschreis der drei Alten bald bekannt, und flugs beteiligten sich die Leute einer nach dem anderen an der Debatte. Doch es nimmt nicht wunder, dass niemand dem Geheimnis auf den Grund kam, welches einzig und allein der  Fremde hätte entschleiern können. Warum man diesen nicht einfach fragte, bleibt ein Rätsel. Nach einer Woche reiste der Fremde mit seinen Koffern wieder ab, doch von da an war nichts mehr wie zuvor.

Rosemai M. Schmidt