LiterArt 2-2018

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Das doppelte Muttchen

 

Es war, als ich kam, um den Hund zu holen. Es ist meine Aufgabe, mit dem Hund meiner Tochter Gassi zu gehen, da ihre Hausbesitzerin bei ihren studentischen Mietern  keine Hunde duldet. Diese Abneigung teilt sie mit meiner Vermieterin, weshalb das Tier bei meiner Mutter über der Straße wohnt. Die weiteren Verrichtungen sind meine Sache. Wir fahren alle ganz gut damit. Meine Tochter kann ihren Hund behalten, die Oma hat weniger Angst vor Menschen, die sie ungebeten in ihrer Parterrewohnung heimsuchen könnten, und ich komme zu einigen Spaziergängen täglich, was meiner Gesundheit guttut.
Ich kam also, um den Hund zum täglichen Mittagsmarsch abzuholen und schlich mich leise in die Wohnung. Um diese Zeit pflegte meine Mutter gelegentlich ein Verdauungsschläfchen zu halten, und ich wollte sie nicht aufwecken. Durch die leicht offene Tür sah ich gerade eben ihre Füße über den Rand ihres Lieblingssessels ragen, und ich hörte sie leise schnarchen. Sie schlief tatsächlich schon.
Ich nahm den Hund an die Leine und wandte mich zum Gehen, als ich in der Küche ein Geräusch hörte: Ein Teller schepperte in der Spüle. Verdutzt lauschte ich. Wie konnte in der Küche etwas scheppern, wenn meine Mutter in ihrem Sessel schlief? Eben wollte ich mich schulterzuckend wieder dem Treppenhaus zuwenden, als abermals ein Klirren aus der Küche klang. An meinem Rückgrat stellten sich die Härchen. Der Hund benahm sich nicht auffälliger als sonst, ein Einbrecher konnte es also nicht sein. Ich fasste mir ein Herz und ging in die Küche. Meine Mutter stand an der Spüle und wusch ab.
"Du gehst mit dem Hund, gut", sagte sie, "es ist höchste Zeit." Ich starrte sie perplex an.
"Ist etwas?", fragte sie besorgt.
"Äh, nein, "stotterte ich, "tschüs dann."
Verstohlen schlich ich mich an die Tür zum Wohnzimmer und sah die Füße meiner Mutter über den Sesselrand ragen. Ihr leises Schnarchen war unüberhörbar. Ich begann an meinem Verstand zu zweifeln, denn aus der Küche drangen eindeutig Abwaschgeräusche herüber.
Ich schlich zur Küche zurück und linste heimlich um die Ecke. Kein Zweifel, meine Mutter wusch Geschirr ab. Jetzt begann sie sogar zu singen. Das war ohne Zweifel meine Mutter. Dann konnte sie nicht die Person im Sessel sein.
Diesmal betrat ich das Zimmer. Im Sessel lag meine Mutter und schlief friedlich, und aus der Küche erklang ihre klare Sopranstimme mit ihrem Lieblingslied. Ich berührte ihre Schulter und rüttelte sie leicht. Als sie die Augen lächelnd aufschlug, brach der Gesang in der Küche ab.

Rosemai M. Schmidt