LiterArt 3-2015

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flickr - hn.

Wer sich wehrt...

„Ich stehe dazu“! sagte die Kuh vor ihrem Gang zur Hinrichtung.
„Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“!
Sie dachte an ihr Kälbchen, das plötzlich nicht mehr da war.
„Duckt Euch, so tief ihr könnt. Ihr kommt trotzdem alle dran“! brüllte sie verzweifelt, als der Transporter in den Hof fuhr, und die Bäuerin sie grob mit dem Stock aus dem Stall trieb.
Die anderen blickten ihr stumm hinterher und wiederkäuten bedächtig ihr Heu - wie jeden Tag.
„Wenigstens habe ich’s  dem Bauern gegeben, dem Rinderschinder!“ dachte die Kuh noch, bevor der Metzger sie am Strick zum Schlachthaus zerrte.
„Und wie er gestrampelt hat! Wie er fluchte und schrie! Wie er blutete, als meine Hörner sich in seine Eingeweide bohrten!“
Sie lächelte und seufzte: „Der wird zeitlebens an mich denken!“
Dann traf sie der Bolzenschuß, und sie brach tot zusammen.

Birgit Korell-Sampaio